Walther Weis 

1890 – 1968

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Notizen zu seinem künstlerischen Schaffen

von Clemens Jöckle   

 

Walther Weis zählt zu den Künstlern der verschollenen Generation, die einerseits die vom Expressionismus errungenen Freiheiten der Bildenden Kunst in Farbgebung und Form übernehmen konnten, denen andererseits auch die feine, koloristische Kultur des französischen Impressionismus zur Verfügung stand. Gleichzeitig aber erfuhren sie bewusst den Schock des Ersten Weltkrieges und die damit einhergehende Verunsicherung der Zeit.  

Walther Weis hatte seine künstlerische Ausbildung wie so viele Pfälzer an der Meisterschule in Kaiserslautern und der Städtischen Malschule in München als Dekorationsmaler erhalten. Seine Lehrer waren Julius Diez (1870-1957) und Hans Urbanich (+ 1915). Mit Jan Linnemann (*1894) war er als Kirchenmaler in Hessen tätig, ohne dass wir aus dieser Zeit auf gesicherte Werke zurückgreifen könnten. Er wurde als Soldat in Flandern verwundet und schuf im Lazarett in Neuburg an der Donau zahlreiche Aquarelle.

Oftmals wurde für die Künstler während des Ersten Weltkrieges die Malerei eine Art Flucht aus einem schrecklichen Alltag. Die 1918 geschaffenen flandrischen Landschaften von Walther Weis stehen hier beispielhaft. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkt der Betrachter, dass in diesem aus drei horizontalen Zonen aufgebauten Blick auf einen Kanal nicht nur der Himmel, sondern auch die Gebäude sich im Wasser reflektieren und so ein flüchtiger Eindruck in spannungsvolle Dauer verwandelt wurde. Gleichzeitig wird die Tristesse grau-blauer Töne des Himmels und des Wassers von den positiveren, aber auch nicht gerade leuchtenden Rottönen der Dächer unterbrochen. Das Motiv erscheint unspektakulär, ist aber raffiniert in die bildliche Konstruktion eingefügt. Das Zusammenschließen der Bildgegenstände zu einem Farberlebnis mit gleichzeitiger überraschender Perspektive, wenn die Wasserader des Kanals das Auge des Betrachters in die Bildtiefe führt und sich im Hintergrund in delikaten Farbharmonien auflöst. Das Vorbild Alfred Sisleys (1839-1899) wird auch in der nervösen Pinselführung mit divisionistisch aufgesetzten Glanzlichtern und entsprechenden Schattenmodulationen spürbar. Aber für Walther Weis liegt nicht der Glanz des Sonntagnachmittags auf dieser Landschaft, sondern die werktägliche Zuständigkeit.  

Weis bewältigt die erfahrene Wirklichkeit als Gestalten von Bildräumen. Das interessante Motiv wird beiseite gelassen. Dies zeigt sich konsequenterweise darin, dass der Künstler in seinen Landschaften unterschiedliche Erlebniszugänge erfährt. Eine „Erntelandschaft“ um 1930 kündet von einer Unbegrenztheit des Naturerlebnisses mit pastos breitpinselig aufgetragenen im Licht visionär aufleuchtenden Ackerschollen, andere wie die Werkstraße von 1932 von einer Vorliebe für Fabrikgelände, Vorstädte und der darin aufgenommenen Spiegelung sozialer Verhältnisse. Alle Landschaften, auch die Stadtbilder sind unbelebt, aber wirken, als ob der Mensch gerade den Bildraum verlassen hätte. Von den mit harten Konturen umschlossenen Architekturen der Industrieanlage und der fast impressionistisch in die Bildtiefe sich erstreckenden Straße, die von einer hohen Mauer und blockartigen Häusern begrenzt ist, erfahren die dergestalt als Zellen umgrenzten Flächen eine feine, koloristische und atmosphärisch dichte malerische Auflockerung. Harte Schlagschatten wie bei Walther Großberg oder Christian Schad als Protagonisten der neuen Sachlichkeit kennt Walther Weis nicht, vielmehr gehorchen die gedämpften Tonwerte rein malerisch einer, so paradox es klingt, erzählten Wirklichkeit. Da spielt Braun und Grün auf der Mauer als Ornament, verwandelt sich die Brücke in ein Farbenkleid, das von Paul Cézanne vom Mont-Saint-Victoire her bekannt ist. Walther Weis kann so die malerisch gegründete Wirklichkeit, auch dort, wo beispielsweise der Putz abgebröckelt und die darunter liegenden Backsteine sichtbar werden., vor Augen führen. Die Charakteristik dieser Landschaften und Stadtbilder, nicht mehr das transitorische Motiv werden geschildert.  

Walther Weis greift Motive auf, die seine St. Ingberter  Landsleute, Albert Weisgerber oder Franz Helmut Becker, aber auch Hans Purrmann gestaltet haben, nämlich den Wochenmarkt und das Bemühen, die Bewegung und die Figuren mit dem Pinsel aus pastoser Farbmaterie zu formen und den Bildraum allein aus der Addition farbiger Flächen zu formen (Jahrmarkt 1931). Meist ist es das gesteigerte Farbenerlebnis der Überdachungen der Marktstände. Suchte Albert Weisgerber den Kontrast zwischen der schwarzen Gewandung der Menschen und den hellen Zeltplanen in einer dem Kreissegment folgenden Anordnung, Hans Purrmann die Organisation der Massen als V-förmig sich längs der Straße erstreckenden Tiefenstrudel, so wird für Walther Weis die Distanz und die Isolation der einzelnen Figur inmitten der Masse zum Thema. Die Marktstände bilden im Mittelgrund den bühnenartigen Raum für die im selbstbezogenen Tun verharrenden Figurinen.  

Dem Experiment zum Selbstbildnis als Selbstkarikatur ist der Künstler zeitlebens aufgeschlossen. Anfang der 50er Jahre erkrankte er an Parkinson und konnte deswegen bis zu seinem Tod 1968 kaum noch künstlerisch tätig sein. Es gehört ferner zur Tragik im künstlerischen Schaffen von Walther Weis, dass es ihm zeitlebens nicht vergönnt war, von seiner Kunst ausschließlich leben zu können und seine Bilder ohne gefeierte Resonanz (trotz Bemühens seiner Künstlerfreunde, wie Fritz Zolnhofer oder des schon erwähnten Franz Helmut Becker), entstanden sind. Sie erweisen sich heute als wahrhafte Chefs d’oeuvre inconnu.  

Es ist nun in unsere Hände gelegt, Walther Weis den verdienten Platz in der Kunstgeschichte unserer Zeit als Maler eines expressiven Realismus mit neusachlichen Zügen zu verschaffen. Dazu wird eine Ausstellung im Strieffler-Haus Landau und in Blieskastel im Jahr 2001 dienen.